Franz S. Gschmeidler, Redakteur und Antisemit

27.März 2013 in gestern & heute, heikel

Aufmacher in der NÖN vom 27.3.2013

Aufmacher in der NÖN vom 27.3.2013

In den – in dieser Hinsicht unseligen – 70er-Jahren hat die Stadt einen Bürger mehrfach geehrt: mit einem Ehrenring und der Benennung eines Wegs, der Gschmeidler-Promenade.

Im vergangenen Jahr ist der Name nun in einem Zusammenhang Gegenstand der Diskussion im Gemeinderat geworden, der für mehr oder weniger Interessierte immer klar war: Franz Gschmeidler, Herausgeber der Mödlinger Nachrichten vor, während und nach der Nazizeit, war ein bekennender Nazi und rabiater Antisemit.

Dies wurde durch ein historisches Gutachten penibel belegt, das vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands im Auftrag der Satdt erstellt wurde. Das Gutachten liegt seit kurzem vor.

Wie nun entscheiden? Manche teilen zwar die Meinung, dass die belegten Artikel von Franz Gschmeidler ein Graus und im höchsten Maß verwerflich sind; sie haben aber Angst, dass mit einer Umbenennung eine Lawine losgetreten werden könnte. Gibt es nicht noch andere Apologeten der Nazidiktatur, nach denen in Mödling weitere Gassen benannt sind? “Wann hat das dann ein Ende”?

Ich denke, dass die Stadt Mödling während der vergangenen Jahre einige Zeichen gesetzt hat, die belegen, dass man über die Phase des Zudeckens und Vergessens hinaus gekommen ist. Die Stadt hat 2003 durch die Nazis vertriebene MödlingerInnen eingeladen und mit ihnen das Denkmal für die Synagoge eingeweiht. Seither wurden 32 Stolpersteine für von den Nazis ermordete BürgerInnen in Straßen dieser Stadt gesetzt – und zwar nicht heimlich, sondern im Bewußtsein der Verantwortung nicht für die Verbrechen, sondern für die Aufarbeitung der Geschehnisse und durchaus auch für die Rolle, die viele BewohnerInnen der Stadt bei der Demütigung und letztlich der Vertreibung ihrer jüdischen Nachbarn gespielt haben. Ich finde, daß all das ein Zeichen für die selbstbewußte Sicht einer aufgeklärten und weltoffenen Stadt ist, die sich auch den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte stellt. (Nicht vergessen werden darf, dass der Jüdische Friedhof in Mödling einer der am besten gepflegten in der ganzen Republik ist).

Jetzt ist das Thema “Gschmeidler” aktuell. Und es wird sichtbar, mit welch bewußter Ignoranz auch unsere Stadt noch in den 70er-Jahren weggeschaut hat.

Ich bin – noch vor einer Entscheidung bei den GRÜNEN und noch lange vor der Entscheidung des Gemeinderats – dafür, die Franz S. – Gschmeidler-Promenade umzubenennen. Das Gedenken an die Kapitulation Nazi-Dutschland gegenüber vor 75 Jahren wäre ein passender Anlass dafür. Wir sollten nicht in der Öffentlichkeit sichbare Ehrungen für Menschen aufrecht erhalten, die mit Hitler nicht nur mitgelaufen sind, sondern sich als besonders ambitionierte Fanatiker hervorgetan und sich nach 1945 nie davon distanziert haben. Und einen Zeitungsherausgeber mit seiner meinungsbildenden Wirkung darf man da sicher besonders bewerten.

P.S.: das Gutachten ist zur Zeit als “vertraulich” bewertet. Ich denke, das ist nicht richtig: man sollte das Ergebnis der Erhebungen möglichst bald der Öffentlichkeit zugänglich machen. Auch das als bewußtes Zeichen der Stadtpolitik.

3 Kommentare Kommentieren

Kommentare

  1. Ich bin dafür, die Gschmeidler-Promenade in Franz Matthias Rinner-Promenade umzubenennen.

    Begründung: Franz Rinner war der Erste, der über das Schicksal der Mödlinger Juden ausführlich recherchiert und

    ihre Geschichte in Buchform (“Ausgelöscht”) dargestellt hat. In diesem Buch wird auch das Verhalten der Mödlinger Nazis –

    darunter an prominenter Stelle der Herausgeber der “Mödlinger Nachrichten”, Franz S. Gschmeidler, – ausführlich “gewürdigt”.

    Deshalb wäre es ein schönes Zeichen des Mödlinger Gemeinderates, diese Umbenennung zu beschließen.

    Roland Burger

    Roland Burger, 28/03/13 08:44

  2. Ein nicht-öffentliches Gutachten ist wenig hilfreich und verursacht nur weiteren Streit. So kann niemand nachvollziehen, welche Quellen verwendet wurden und ob diese einigermaßen vollständig sind. Ich denke, dass 68 Jahre Abstand (1945) ausreichen, eine Thematik wissenschaftlich zu analysieren.
    Politische Schlußfolgerungen zu ziehen, ist wieder eine andere Sache, sei es pro oder contra Franz Gschmeidler. Aber Schlußfolgerungen auf Basis eines “vertraulichen” und öffentlich unbekanntgen Gutachtens zu ziehen, scheint mir bedenklich.
    Im übrigen würde ich eine gedruckte Publikation zur Aktion “Stopersteine”, zu den Bemühungen der Stadt Mödling um den Jüdischen Friedhof, zur “Reunion” etc. begrüssen. Mödling ist diesbezüglich in Druckwerken nicht optimal dokumentiert und eine Meinungsbildung zu diesem Thema nicht einfach.
    Eine Umbenennung der 360er-Trasse in Dr. Albert Schweiger-Weg oder Ignaz Nathan Reiser-Weg wäre wohl wirklich eine Würdigung der ausgelöschten jüdischen Gemeinde und ist wahrscheinlich in Anbetracht der Diskussionen über Franz Gschmeidler notwendig, um Wunden und Gräben zu schließen.
    Christian Matzner

    Christian Matzner, 01/04/13 09:50

  3. Danke für den Hinweis und die Buchempfehlung, Roland Burger, ich bin aber der Meinung, dass es in Mödling genügend männlich benannte Straßen und Gassen gibt. Tatsächlich fallen mir nur wenige nach Frauen benannte Verkehrswege ein.
    Daher glaube ich, wenn wir überhaupt einem Menschen hier ein Andenken setzen sollten, dann Ceija Stojka. Die kürzlich verstorbene Romni und Lyrikerin hat vier Konzentrationslager überlebt und als Zeitzeugin vielen Schüler*innen -so auch mir- authentisch Geschichte näher gebracht.

    Aber in Mödling ist es seit langem Gebrauch nur Menschen mit Bezug zur Stadt eine solche Würdigung zu teil werden zu lassen…

    Florian Kolomaznik, 02/04/13 11:06

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